Der Mann, der so ulkig läuft

Im Urlaub auf der Insel Pellworm im letzten Sommer habe ich ein Gespräch über ein Insel-Original mitbekommen. Dieser wurde beschrieben als der Mann mit den kurzes Hosen, „der so ulkig läuft“.

Gemeint ist der so genannte Ballengang. Hast du schon mal davon gehört? Wenn nicht, kannst du dir etwas darunter vorstellen?


Experiment:

Beim Ballengang läufst du so, als ob du schleichen würdest. Oder als ob du eine Treppe hinauf gehen würdest. Du trittst mit dem Vorderfuß zuerst auf anstatt mit der Hacke.

Ziehe deine Schuhe aus und versuche es einmal. Kannst du so laufen? Fühlt sich das „ulkig“ an?

Mein Tipp:

In der Wohnung laufe ich seit ich denken kann fast ausschließlich barfuß und im Ballengang.

Kennst du das – in den Zimmern über dir läuft jemand barfuß entlang und es macht BUMM BUMM BUMM BUMM? Da läuft dann jemand im „normalen“ Fersengang.

Wir Menschen sind übrigens das einzige „Tier“, welches im Fersengang läuft.

kurz erklärt:

Der Ballengang wird noch heute von Naturvölkern genutzt. Auch kleine Kinder lernen zuerst den Ballengang. Es ist unsere „natürliche“ Gangart. Erst später wird sie sozusagen von dem „normalen“ Fersengang abgelöst, den die Eltern vorleben.

Kann ich den Ballengang ganz einfach lernen?

Vier Gründe sprechen gegen den Ballengang in deinem Alltag. Sind es für dich Hindernisse oder Herausforderungen?

Zu einen bist du ihn nicht gewohnt. Möchtest du ihn öfter nutzen, musst du ihn langsam wieder erlernen, sonst kann es zu Sehnenproblemen kommen. Deine Sehnen müssen sich erst wieder ausreichend dehnen. Ich habe den Fehler gemacht, nur das Joggen als Ballengang zu praktizieren, aber sonst im Alltag „normal“ zu laufen. Dies führte dann als Ungeübte unweigerlich zu Sehnenproblemen.Hast du genug Übungszeit und Geduld?

Zweitens kannst du im Ballengang nicht so schnell gehen. Und unser Tempo ist im Alltag derzeit viel zu schnell. So schnell wie heutzutage ist der Mensch in seiner ganzen Entwicklungsgeschichte nicht herumgelaufen. Du würdest dir sozusagen eine „Zwangsentschleunigung“ verordnen.Bist du dazu bereit?

Und zum Dritten brauchst du ballengangtaugliches Schuhwerk. Dies bedeutet: barfuß oder Schuhe mit Minimalsohlen. Ich persönlich trage Minimalsohlen so oft ich kann. Es gibt viele spezialiserte Schuhgeschäfte im Internet, die eine breite Auswahl anbieten. Traust du dich, dich von der aktuellen Schuhmode zu entfernen? Weiter unten beschreibe ich als Beispiel zwei Paar Schuhe, die ich persönlich trage und sehr gut finde.

Als vierter und letzter Grund gibt es die Theorie, dass man den Ballengang nicht mehr lernen kann, wenn man ihn in der Kindheit nicht eingeübt hat oder zu viel schlechtes Schuhwerk getragen hat. Es gibt aber auch anderslautende Theorien, die besagen, dass Fußfehlstellungen besser mit dem Ballengang als mit Einlagen therapiert werden können. Bist du bereit, dich auf dieses uneindeutige Neuland vorzuwagen?

Ja aber..

die Schuhe sind mir zu häßlich. Damit kann ich doch nicht herumlaufen.

Es gibt Schuhe, die sehen neutral aus. Aber wenn dir die aktuelle Schuhmode wichtiger ist, dann ist der Ballengang im Alltag nichts für dich. Schau doch mal, ob du ihn immerhin zuhause üben kannst.

Herausforderung:

Schau dich in der Welt der Schuhe mit Minimalsohlen um. Mit der Zeit wird es das ein oder andere Paar geben, das dir gefallen wird. Probiere es aus.

Hier zwei Beispiele:

Vibram Five Fingers
Dies sind die Zehenschuhe, die ich zum joggen genutzt habe. Bei den Laufabzeichen war ich immer „Die Frau mit den lustigen rosa Schuhen“

Leguanos aktiv
Barfußschuh, den ich derzeit so oft trage wie es geht. Sieht für mich persönlich recht alltagstauglich aus, ohne groß aufzufallen.

Risiken und Nebenwirkungen: Wenn du mit diesen Schuhen in einen schnellen Fersengang zurückfällst, knallt die Hacke natürlich ungedämpft auf den Boden. Das ist für mich immer der Indikatormoment, innezuhalten und wieder zu entschleunigen.

Auf dem Bild siehst du die typischen Fußabdrücke von Fersenläufern im Sand. Die Ferse gräbt sich tief ein. Die ganze Last deines Gewichtes geht ungedämpft auf die Knochen und Wirbelsäule über. Ich finde das Bild recht eindrücklich. So weiß ich, dass ich zwar für einige Menschen seltsam aussehen mag, aber mir und meiner Gesundheit einen großen Dienst erweise.

für Fortgeschrittene:

Noch natürlicher ist es, im Alltag ausschließlich barfuß zu laufen. Traust du dich, es einen Tag lang auszuprobieren?

Es ist zudem immens wichtig, dass Kinder so oft es geht barfuß herumlaufen können. Hast du Kinder? Dann lerne doch vielleicht mit ihnen gemeinsam wieder das lustige herumtanzen auf dem Ballen.

Deine Erfahrungen:

Ich freue mich, wenn du deine Fragen und Erfahrungen mit mir teilst. Du kannst dazu die Kommentarfunktion nutzen oder mir eine Mail schreiben.

3 Antworten auf „Der Mann, der so ulkig läuft“

  1. Ich gehe seit mittlerweile zwei Jahren im Ballengang und kann kann sämtliche Aussagen in dem Beitrag bestätigen. Ein paar Punkte möchte ich noch hinzufügen:

    Der Ballengang funktioniert tatsächlich am besten barfuß. Selbst in Socken wird es schon unnatürlicher und in Barfußschuhen sowieso. Auch ist Fersengang und Ballengang eine Gewöhnungssache. Die meisten Menschen gehen selbst barfuß im Fersengang.
    Meiner Meinung nach kann Ballengang viele gesundheitliche Probleme lösen. Genauer fast alle orthopädischen Probleme an Fuß, Knie, Becken oder Rücken. Normale Sportübungen haben den Nachteil, dass man sie nur wenige Stunden in der Woche macht. Gegangen wird eigentlich immer.
    Im Bereich des Laufens wurde mittlerweile bewiesen, dass das Jogging (Rückfuß-Laufen) weit ungesunder ist als Natural Running (Vorfuß-Laufen), wenn man die Gefahren der Umstellung mal außen vor lässt. Beim Gehen sehe ich es genauso.
    Unsere Gesellschaft ist aber nicht bereit für den Ballengang. Die Schuhmode ist eigentlich kein Problem (ich trage die Barfußschuhe von Xero Shoes, Senmotic und SoleRunner). Es ist eher die langsamere Geschwindigkeit und das Gefühl man würde anders gehen und auffallen. Nur wenn ich mir heute die Menschen im Fersengang anschaue und dort vor allem die Fuß-Fehlstellungen (Entengang) bin ich davon überzeugt, dass Ballengang weit weniger auffällt und auch gesünder ist. Aber wohl erst in Jahrzehnten im etwas höheren Alter werde ich wissen ob das tatsächlich stimmt und die richtige Entscheidung war. Eine Entscheidung die man bewusst treffen sollte. Einen Weg zurück zum Fersengang sehe ich für mich auf jeden Fall nun nicht mehr.

  2. Hallo Johannes, da stimme ich mit dir in allen Punkten zu 100 % überein.
    Insbesondere die a) langsamere Geschwindigkeit b) das Gefühl, die Leute schauen einen komisch an. Ich glaube wir müssen uns frei machen von dem, was die anderen über uns denken. Leicht gesagte Worte, aber mit viel Übung tatsächlich möglich. Die langsamere Geschwindigkeit finde ich persönlich sehr begrüßenswert. Hier ecke ich dann ab und zu an, wenn ich mit Leuten unterwegs bin, die es eilig haben. Für solche Situationen habe ich noch keine gute Lösung gefunden.
    Vielen Dank auch für die Schuh-Einkaufstipps. Da werde ich doch gleich mal stöbern gehen. Ich habe bisher bei freizehn.de eingekauft.

  3. Zustimmung auch von mir. Ich laufe nun schon seit ca. 6 Jahren Vorfuß (früher in FiveFingers, heute meist barfuß) und seit zwei Jahren gehe ich auch konsequnt im Ballengang. Die Umstellung des Gehens hat einiges an Zeit gebraucht, weniger in Hinblick auf muskuläre und Sehenenbelastung wie beim Laufen, sondern eher um die notwendigen Bewegungsengramme zu reaktivieren und automatisieren. Selbst jetzt nach den zwei Jahren denke ich noch nicht dass es „perfekt“ ist. Allerdings fällt es mittlerweile anderen Menschen kaum mehr auf, dass ich komplett anders gehe, und ich kann auch sehr zügig im Ballengang unterwegs sein, ohne dass es sich unangenehm oder komisch anfühlt. Am besten klappt es auf alle Fälle barfuß und selbst Minimalschuhe können störend wirken. Ich nutze zwar ab und an Modelle von Vivobarefoot und Minimalsandalen (je nach Temperatur und gesellschaftlichen Zwängen…), aber am liebsten bin ich „unten ohne“ unterwegs. 😉
    Ein Zurück zum Fersengang wird es für mich definitv nicht mehr geben; ich müsste mich da mittlerweile bewusst dazu zwingen, selbst in Schuhen mit Fersensprengung. Das fühlt sich einfach komplett falsch an.

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